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Wissenschaft im bundesrepublikanischen Taschenbuch 1955-1980

Wissenschaft im bundesrepublikanischen Taschenbuch 1955-1980
Teilprojekt des SFB 1471 „Transformationen des Populären“; https://popkultur.uni-siegen.de/sfb1472/ an der Universität Siegen
Teilprojektleitung: Prof. Dr. Ute Schneider und Prof. Dr. Jörg Döring.
Das interdisziplinäre Teilprojekt (Buchwissenschaft, Kulturwissenschaft) wird in enger Abstimmung an zwei Standorten (Mainz, Siegen) durchgeführt. Die Buchwissenschaft des Gutenberg-Instituts für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der JGU Mainz ist Kooperationspartner des SFB, der mit 10 Millionen Euro von der DFG gefördert wird.

Das Teilprojekt geht von der Hypothese aus, dass sich mit der Verbreitung wissenschaftlicher Texte im Taschenbuch, die in der Bundesrepublik schon Mitte der 1950er Jahre beginnt, sowohl der Gehalt wie auch die Gestalt wissenschaftlichen Wissens transformieren. Seit Leserïnnen in der Bundesrepublik auch Taschenbücher wie H. Schelskys Soziologie der Sexualität (rde 1955), W. Hofers Der Nationalsozialismus, C.F. v. Weizsäckers Atomenergie und Atomzeitalter (beide Fischer-Bücherei 1957) oder T. Georgiades Musik und Rhythmus bei den Griechen (rde 1958) für 1,90 DM am Bahnhofskiosk oder im Warenhaus kaufen konnten, beginnt das Taschenbuch, seinen Makel als Verbrauchsbuch oder reine Unterhaltungslektüre einzubüßen. Nicht länger kann dem Taschenbuch allein aufgrund seiner Materialsemantik ein minderwertiger Inhalt zugeschrieben werden. Zugleich müssen sich die Urheber wissenschaftlichen Wissens, deren Sozialprestige und wissenschaftliches Renommee bis dahin nicht an die Absatzzahlen ihrer Werke geknüpft war, quasi über Nacht mit den Bedingungen exoterischer Verbreitung vertraut machen: Schelskys Taschenbuch verkaufte sich allein im Jahr 1955 über 30.000 mal. Das Projekt zielt auf eine quellenbasierte Rekonstruktion dieser Verbreitungsgeschichte wissenschaftlichen Wissens, die hier – im Sinne des Gesamt-SFB – als Popularisierung zweiter Ordnung verstanden wird. Anders als die Wissenschaftspopularisierung im Kaiserreich oder z. Zt. der Weimarer Republik bietet das Nachkriegstaschenbuch keine vereinfachte oder verständlich gemachte Populärversion des Wissens mehr – und das paradoxerweise gerade, weil es alle Anzeichen eines Massenartikels trägt und seine Popularität ausstellt. Untersucht wird dieser Zusammenhang mit Blick auf drei zentrale Akteursgruppen: die Wissenschaftlerïnnen bzw. die Autorïnnen wissenschaftlicher Texte; die Verlagsakteure, die über Themen, Schreibweisen, Ausstattung und Vertrieb der Wissenschaft im Taschenbuch entscheiden; die Leserïnnen, die teils erst durch die Publikationsform Taschenbuch in den Adressatenkreis wissenschaftlicher Texte inkludiert werden und die Appropriation wissenschaftlichen Wissens nicht zuletzt paratextgeleitet betreiben. Der Analysezeitraum erstreckt sich bis Ende der 1970er Jahre, um zu überprüfen, ob sowohl die entwickelte Massenuniversität mit ihren veränderten Ansprüchen an Wissenszirkulation und Lektürehabitus (‚Theorie‘, ‚Kritik‘) als auch die um 1970 gegründeten neuen verlegerischen Vertriebskooperationen auf dem Wissenschaftsbuchmarkt (UTB) die hier avisierte Verbreitungsgeschichte wissenschaftlichen Wissens nennenswert beeinflussen.
Das Korpus des Teilprojekts bilden zum einen die wissenschaftlichen Taschenbuch-Reihen eines großen Publikumsverlages (S. Fischer: Bücher des Wissens, Fischer-Lexikon), zum anderen die Taschenbuchreihen jener traditionell wissenschaftsnahen Verlage wie Oldenbourg (Janus), Vandenhoeck & Ruprecht (Kleine Reihe), und Francke (Dalp), die ebenfalls – mit unterschiedlichem Erfolg – auf den boomenden Taschenbuchmarkt der frühen Bundesrepublik drängten. Am Beispiel der Taschenbuchreihen bei Vandenhoeck & Ruprecht und Francke lässt sich auch die Buchmarktransformationen durch eine Vertriebskooperation wie UTB mitbeobachten. Das Arbeitsprogramm des Teilprojekts gliedert sich in vier Arbeitsbereiche: I) Das geisteswissenschaftliche Taschenbuch in der Bundesrepublik; II) Wissenschaftler und/als Verlagsakteure; III) S. Fischer: Bücher des Wissens und Fischer Lexikon; IV) Westdeutsche Bildungsgeschichten im Zeichen des wissenschaftlichen Taschenbuchs.

Kontakt:
Prof. Dr. Ute Schneider
uschneid@uni-mainz.de

 

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