Auf den Spuren Gutenbergs – bis in die Gegenwart

Seit über 25 Jahren verfügt das Institut für Buchwissenschaft über eine eigene Lehrdruckerei. Hier werden Kurse zum Handsatz mit Bleitypen angeboten, die sich als institutseigenes Praktikumsangebot großer Beliebtheit erfreuen.
In einer in den geisteswissenschaftlichen Fächern selten angebotenen Verbindung von Kopf- und Handarbeit werden neben einer Einführung in das Setzer- und Druckerhandwerk à la Gutenberg auch Einblicke in Grundprobleme der Typografie vermittelt.

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Foto: Thomas Hartmann

In der ältesten Abteilung beginnt ein Gang durch die Geschichte der Satzherstellung: Der gelernte Schriftsetzer Dr. Dipl.-Ing. Christoph Reske unterweist 12 Studierende je Semester in der Schwarzen Kunst. Sie lernen mit dem Winkelhaken und den Setzkästen umzugehen: Spieß, Fliegenkopf, Ausschließen und Ablegen sind nach dem Praktikum keine Fremdworte mehr. Gezeigt wird die Funktionsweise des Original Heidelberger Tiegels (OHT), gedruckt wird an einer Korrex-Andruckpresse.

Foto: Andreas Roth

Foto: Andreas Roth

Einer Revolution gleich kam in den 1960er Jahren die Einführung des Fotosatzes: Der Bleisatz verschwand allmählich; mit dem Fotosatz und der Verwendung von Offsetdruckmaschinen wurden neue Gestaltungsmöglichkeiten entdeckt. Wenn auch der Fotosatz bereits Geschichte geworden ist, ist diese Epoche dennoch in der Lehrdruckerei dokumentiert. Die Fotosatz-Abteilung verfügt über ein Akzidenzsatzgerät, eine Mengensatzmaschine und ein Titelsatzgerät der Firma Berthold sowie hunderte von Schriften. Eine Reprokamera vervollständigt das „Typo-Studio“ der Lehrdruckerei.

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Die Ausstattung der modernen Abteilung führt in die unmittelbare Gegenwart: Zehn Apple-Macintosh-Computer, die mit Scanner sowie SW- und Color-Laserdruckern sowie den neuesten Layout-Programmen ausgestattet sind, vermitteln einen Eindruck der heutigen Praxis in Verlagen und Agenturen. Auch das Schriftenangebot ist mit der „Linotype Library“ auf dem neuesten Stand der „Open Type“-Technologie.

In entsprechenden Praktika erhalten die Studierenden einen Einblick in die moderne Produktionsweise. In der praktischen Umsetzung von Entwürfen bei Typografie-Übungen lernen sie, ansprechende Ergebnisse zu erzielen. So manche Hausarbeit oder Fachschaftsveröffentlichung erhält hier ihren letzten typografischen Schliff.
Praktika aus dem Bereich grafischer Präsentationstechniken unter der Leitung von Dr. Dipl.-Designer Albert Ernst runden das Lehrangebot ab.

Die Lehrdruckerei des Instituts für Buchwissenschaft dokumentiert auf diese Weise über 500 Jahre Satzgeschichte.

Die Anschauung der Vergangenheit kann helfen, den Blick für die gegenwärtige Typografie zu schärfen und inne zu halten:
Die Capitalis Monumentalis (die Grundlage der lateinischen Großbuchstaben) ist über 2000 Jahre alt, und die Karolingische Minuskel (das Fundament unserer Kleinbuchstaben) bringt es immerhin auch schon auf 1200 Jahre – sie haben bis heute Bestand.

Die stürmische Entwicklung der letzten dreißig Jahre bringt nicht unbedingt immer befriedigende Ergebnisse mit sich, denn der technische Fortschritt ändert nichts an typografischen Regeln und ästhetischen Erfordernissen. Und nicht umsonst gibt es bis heute noch Druckereien, die eine kleine Bleisatzabteilung in Betrieb halten. Denn schneller als ein versierter Setzer mit Bleibuchstaben und direkt anschließendem Druck am Tiegel kann man bis heute keine Visitenkarte herstellen…

Nach der Absolvierung dieser Praktika und der historischen Untermauerung in den Seminaren sind die Studierenden in der Lage, Typografie, Satz- und Druckqualität besser zu beurteilen. Gerade in der heutigen Zeit, in der es der PC jedem ermöglicht, „Typografie“ herzustellen, sollte das nicht unterschätzt werden.